20 Jahre Gemeindehaus Frankenhöhe …

… und 500 Jahre Reformation –

  Mit der Eröffnung der Ausstellung „95 Hechtsheimer Reformationsblätter“ feierte die Evangelische Kirchengemeinde Hechtsheim das 20-jährige Bestehen des Gemeindehauses Frankenhöhe im Jahr des Reformationsjubiläums.

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“ Mit diesem kraftvollen Satz des Apostels Paulus beginnt Sabine Feucht-Münch ihre Predigt zum 20. Jahrestag der Einweihung des Evangelischen Gemeindehauses auf der Frankenhöhe. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht. Ein Satz wie eine Fahne. Aufgezogen von Paulus im Römerbrief“, sagt die Pfarrerin.

Fahnen: Sie zeigen auf, was wichtig ist. Als Impuls hält die Pfarrerin eine Deutschland-Flagge und einen Wimpel des Fußballvereins Mainz 05 in die Höhe. „Fahnen sind zum Anfeuern da.“ „Wenn ich die Fahne hochhalte, kann jeder sehen, dass ich hier dazugehöre.“ So und ähnlich lauten die Thesen der Kinder. Auch draußen vor dem Gemeindehaus weht eine Fahne, die Kirchenfahne, weil heute hier Geburtstag gefeiert wird. Sie zeigt der Öffentlichkeit, wofür dieses Haus seit zwanzig Jahren steht. Viele erinnern sich noch an dessen Baubeginn. Für die Kinder sind zwanzig Jahre gerade noch überschaubar. „500 Jahre Reformation“ sind dagegen „ganz schön alt“. Beide Jubiläen feiert die Gemeinde mit einer einzigartigen Ausstellung ihrer Gemeindemitglieder: „95 Hechtsheimer Reformationsblätter“.

Die Ausstellungsmacher Andreas Koridass, Brigitte Zander und Sabine Feucht-Münch wissen, dass nach Martin Luther jeder Getaufte mündig ein Zeugnis seines Glaubens abgeben kann. Daher hatten sie die Gemeinde aufgerufen, eigene DIN A3-Blätter zum Reformationsjubiläum zu gestalten. Alle mögen ein Wort oder einen Satz aufschreiben zum Thema „Kirche – Reformation“, eine Fotografie oder eine Collage aufkleben. Möglich seien Lutherzitate – oder auch das, was einen am Reformator stört. Ein Wunsch für die Zukunft der Kirche trage ebenso unzensiert zum Gesamtbild bei, wie ein persönliches Bekenntnis zum Glauben. Protestantismus heißt auch Individualisierung. Das bedeutet, jeder darf glauben, was er will, der Maßstab ist die Bibel.

Und hier kommen die Fahnen wieder ins Spiel: Um das Ganze zusammenzuhalten, musste eine künstlerische Form gefunden werden. Gedruckt auf raumhohe Banner bekommt nun jede einzelne der 95 Arbeiten eine besondere Wertigkeit. Die Vielstimmigkeit der Werke wird deutlich, ohne beliebig oder zusammenhanglos zu wirken. 95 Blätter werden unzensiert miteinander verbunden zu einem Stück Hechtsheimer Kirche.

Doch was schreiben sich die Hechtsheimer Protestanten auf ihre Fahnen?

Entstanden sind Sinnsprüche und Zitate, Malereien mit Luthertexten, Witziges, aber auch Blätter, die sich nicht jedem erschließen. Und es gibt Kritisches zu Luther oder zur Kirche. Einige Arbeiten widmen sich den Kirchenliedern – eine der Errungenschaften der Reformation. Dem Aufkleber „Du bist Papst. Dank Reformation“ werden eigene Bemerkungen zugefügt. Ein Foto von einem Waldparcours ist überschrieben mit „Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!!! Gott will ein Segen für seine Erde sein. Dazu die Jahreszahlen 1517, 1767, 2017 und eine Leerstelle. Auf einem anderen Blatt wird an Calvin, Erasmus, Melanchthon, Müntzer, Wyclif und Zwingli erinnert. Man findet Dank an Pfarrerinnen und Gemeinde, die Freude über die Sündenvergebung durch einen gnädigen Gott und die Frauenbewegung in der Kirche. Kurz, Dinge, die den Menschen wichtig sind.

„Es gab viele nette Situationen“, sagt Seelsorgerin und schildert, dass sie das erste Blatt am Tag nach dem Aufruf unter dem Scheibenwischer ihres Autos fand: Eine Bewohnerin der benachbarten Seniorenresidenz hatte das Lutherzitat „Hier stehe ich und kann nicht anders“ gestaltetet. Anderes habe sie sehr angerührt, wie das malerische Bekenntnis eines Mitchristen: „Allein aus Gnade … einer meiner wichtigsten Glaubenspfeiler.“

Musik schreibt sich Markus Brückner auf seine Fahne. Der Leiter des Gospelchores „SoundConnection“ hat sowohl zum Gottesdienst als auch zur anschließenden Ausstellungseröffnung passende Lieder zur Reformation ausgesucht, wie „Just couldn’t be contented“ oder „Love chanches everything“, denn auch hier gehe es um Veränderungen, sagt er. Begeistert von der Aktion zeigt sich Dekan Andreas Klodt, der sich die Banner zur Vernissage eingehend betrachtet.

Luther habe sich den Disput auf seine Fahnen geschrieben.

Ganz wichtig ist Sabine Feucht-Münch, dass der Aufruf zur Kommunikation geführt hat. Das sei ganz im Sinne Martin Luthers, der seine 95 Thesen ebenfalls diskutiert sehen wollte. Er überschrieb diese daher mit den Worten: „Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, soll in Wittenberg … über die folgenden Sätze disputiert werden.“ Luther habe sich den Disput auf seine Fahnen geschrieben. „Die Menschen sollten nicht einfach Ja und Amen zu seinen Thesen sagen“, erläuterte Feucht-Münch während ihrer Predigt. Darum soll nun auch in Hechtsheim diskutiert werden.

Raum, um miteinander die Wahrheit zu suchen, gibt das Gemeindehaus. Es ist offen für Fremde, Interessierte, Nichtchristen und für Menschen, die einen Raum brauchen für das, was ihnen wichtig ist. Es gibt aber auch Raum für die Vergewisserung der Geschichte und für Erinnerung an die Wurzeln, um gemeinsam in die Zukunft zu gehen. Denn auch davon handeln die 95 Blätter der Hechtsheimer. Ganz nach den Eingangsworten: „Ich schäme mich des Evangeliums nicht.“

Fahnen. Mit ihnen zeigen die Hechtsheimer Protestanten noch bis zum 8. Oktober im Gemeindehaus, was ihnen wichtig ist, im schönen, wie im kritischen Sinn. Drei besondere Fahnen hängen darunter, gestaltet von Hechtsheimer Künstlern. Brigitte Zander hat ihre Flagge mit 95 Begriffen gefüllt, die für sie zur Reformation gehören. Das Wort Gebet ist doppelt vertreten. „Das war nicht absichtlich, zeigt aber, welche Bedeutung das Gebet für mich hat“, erläutert die Malerin. Die 93-jährige Kalligrafin Pamela Stokes hat den Satz „Am Anfang war das Wort“ gleich mehrfach auf Stoff gebannt. Bildhauer und Fotograf Andreas Koridass zeigt die abstrahiert wirkende Fotografie eines Elefanten mit den Worten „Reformation sollte auch ein gutes Gedächtnis haben“. Für den Macher der Ausstellung kann Reformation nur funktionieren, wenn sie aus der Vergangenheit lernt.

Fahnen. Sie flattern im Wind, sind bei dem kleinsten Luftzug in Bewegung. Ohne Wind oder Luftzug ist eine Fahne jedoch nichts. Dies haben die Konfirmanden bei der Gestaltung ihrer eigenen Fahne ermittelt. Und sie müssen gut befestigt sein. „Frei wehen im Luftzug des Heiligen Geistes, aber befestigt zu sein – vielleicht ist das mein Wunsch an diesem Festtag für uns alle“, schließt die Pfarrerin.

Öffnungszeiten:

Bis 8.  Oktober im Evangelischen Gemeindehaus Frankenhöhe, Bodenheimer Straße 58, dienstags 17–19 Uhr, mittwochs 10–12 Uhr, sonntags 12–13 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung.

Kontakt:

Ev. Kirchengemeinde Mainz-Hechtsheim, Telefon/Fax: 06131 59 65 0, E-Mail: buero@ekg-hechtsheim.de

 

Hinweis:

Der Gemeindechor SoundConnection gibt sein nächstes Konzert am Samstag, 23. September, um 18 Uhr in der evangelischen Kirche Selzen.

 

 

 

Fotos: Andreas Koridass

 

 

 

 

 

 

Am 10. September 2017 wurde das 20-jährige Bestehen des Gemeidehauses Frankenhöhe gefeiert. Im Anschluss an den Gottesdienst fand die Eröffnung der Ausstellung „95 Hechtsheimer Reformationsblätter“ statt, die von Hechtsheimer Gemeindemitgliedern geschaffen wurden und die Gedanken rund um das Thema „Reformation“ zeigen. Die Gesamtgestaltung lag in den Händen von Brigitte Zander, Pamela Stokes und Andreas Koridass. Der Gospelchor „Sound Connection“ hat den Gottesdienst musikalisch begleitet.