Die heilige musica begann mit einem Paukenschlag. Danach sang Mirjam, die Prophetin, den Frauen vor:
"Laßt uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan, Roß und Mann hat er ins Meer gestürzt."
(2. Mose 15, 21)
Das älteste biblische Lied also ein überheblicher Siegesgesang? Die jüdischen Schriftleger haben später dieses Lied angezweifelt, weil es sich nicht um die Schreie der ins Meer Gestürzten schert:
Die Rabbiner lehren, daß die Engel das große Loblied zusammen mit den Israeliten singen wollten, nachdem Israel gerettet war: "Siehe doch, Herr: Deine Kinder sind gerettet!" Aber Gott zürnte und sagte: "Meine Kinder Israel sind gerettet, aber meine Kinder Ägypten sterben!"
- und der Engelchor schweigt. (nach Albert H. Friedlander)
Weil der Engelchor schweigt, beginnen unsere Gottesdienste im Gemeindezentrum nicht mit einem Paukenschlag, sondern - nach dem Ausklingen der Glocken - mit einem Schweigen. Die versammelte Gemeinde kommt zum Schweigen über das Gesehene, Geschehene, Geschundene und über das eigene darin verstrickte Leben. Aus diesem Schweigen heraus gibt sie der Orgel in unseren Kirchen seit Jahrhunderten das "erste Wort", das einmündet in das erste Lied. So vorbereitet wagen wir vor Gott zu treten, unserer Grenzen und Zwiespältigkeiten wohl bewußt.
Eine Gemeinde, die - wie auch manchmal bei uns in Hechtsheim - das Schweigen am Anfang nicht kennt, sondern offen oder verhalten plaudernd den Gottesdienst beginnt, mag mit leichter Kost zufrieden sein. Da ist Kunst ersetzbar und das Wort auswechselbar. Wir merken kaum noch, was wir dabei an innerer Sammlung und äußerer Ehrfurcht verlieren. Im Ergebnis kommt es oft zu einem eigentümlichen Rollentausch: Wer das überkommene Erbe verantwortungsvoll wahrnehmen will, muß sich rechtfertigen vor denen, die das uns anvertraute Gut längst abgeschrieben haben.
Weil in der Geschichte der Kirche die Orgelkunst eine einmalige Ausprägung erfahren hat, haben sich die unsere Gemeinde Verantwortlichen nach längerem Überlegen entschieden, eine neue Orgel bauen zu lassen.
In unserem schönen, aber mit Kompromissen behafteten Kirchsaal sollte dieses Instrument ein möglichst hohes Maß an klanglicher Ausstrahlung und äußerer Schönheit auszeichnen. So haben wir zu Beginn riskante Entscheidungen, wie den umstrittenen Standort vor der prägenden Fensterfront, mitgetragen. Ab März 2009 wird unsere Orgel hinter dem Altar in einem Anbau ihren Platz finden. Ein Orgelgutachten hat unsere Entscheidung dabei gestärkt:
„Die Orgel der Kirchengemeinde Hechtsheim ist sorgfältig und gut gebaut und hat einen sehr schönen Klang. Das Instrument steht seitlich vor der verglasten Wand und wirkt wegen seines symmetrischen Aufbaus ein wenig zufällig an seinem jetzigen Platz. Deshalb wird eine Veränderung der Aufstellung erwogen. Es ist daran gedacht, hinter dem Altar eine Art Chorraum anzubauen, in dem die Orgel Platz finden soll. Sie stände dann achsial und so wesentlich passender im Raum, der symmetrische Prospekt und die achsiale Anordnung würden einander in günstiger Weise entsprechen. Da dieser Anbau höher sein würde als das schräg nach unten verlaufende Dach, würde auch die Akustik des Raums gewinnen“.
DR. MARTIN BALZ, Orgel- und Glockensachverständiger
Wir wünschen uns nun vermehrt zwischen Orgelmusik und dem zu verkündigenden Wort ein Wechselspiel, das aus dem Herzen kommt und uns wieder zu Herzen geht. Vor allem aber möge mit der Unterstützung des Orgelspiels so mancher seine verschüttete Stimme wiederentdecken und in die Lob- und Danklieder, aber auch Klage- und Bittgesänge einstimmen.
Ein uns nicht in Vergessenheit geratenes Gemeindeglied, Alfred Schrick, schrieb an anderer Stelle, wie er vor wenigen Jahrzehnten in der alten Kapelle auf einem uralten Harmonium den Gemeindegesang begleitet hat und wie die "zischenden Geräusche" der entweichenden Luft oft den Gesang übertönt haben. Diese Erinnerung mag ein kleines Licht auf den Weg werfen, den unsere Gemeinde in den letzten Jahren in Hechtsheim zurücklegen konnte. Es freut uns, dass sich der Gemeindegesang hier gehalten und Kraft gewonnen hat.
Die singende Gemeinde hat sich im Grunde ihre neue Orgel "verdient" - wem darüberhinaus zu danken ist für das gelungene Werk, geht aus den Beiträgen dieser Festschrift deutlich hervor! So Gott will und wir leben, werden wir an diesem gediegenen Instrument sehr viel Freude haben.
Vergessen wir aber bei aller Genugtuung nicht: Der Engelchor schweigt - über den unbedachten Liedern, die wir innerhalb und außerhalb der Kirchen allzuleicht anstimmen. Schweigen auch wir. Hören wir auf die neue Orgel, die aus dem Schweigen erklingt. Singen wir vor Gott mit ihrer Begleitung ein neues Lied. KANTATE. Wohl der Gemeinde, die schweigen, hören, singen kann.
Dr. Gerhard H. Dietrich, Pfarrer